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Die Zukunft des Waldes: Im Interview mit Revierförster Dirk Ruis-Eckhardt

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Bensheim. Wie ist der Zustand des Bensheimer Stadtwaldes? Dieser Frage gingen Bürgermeisterin Christine Klein und Erste Stadträtin Nicole Rauber-Jung bei einer Waldbegehung mit Revierförster Dirk Ruis-Eckhardt und seinem Team nach. Dieses ist für insgesamt 1619 Hektar Wald zuständig, davon ist mit 910 Hektar Bensheim der größte Eigentümer, gefolgt vom Land Hessen mit 500 Hektar. Im Vorfeld des Termins stand der Revierförster zum Thema „Zukunft des Waldes“ Rede und Antwort.

Der deutsche Wald leidet stark unter den Folgen des Klimawandels. Betroffen sind laut Waldzustandsbericht Fichte, Kiefer, Buche und Eiche gleichermaßen. Nur jeder fünfte Baum ist gesund. Herr Ruis-Eckhardt, wie sieht die Zukunft des Waldes aus – am Beispiel des Bensheimer Stadtwaldes? Und was sind neben dem Klimawandel die größten „Bedrohungen“ für den Wald?

Dirk Ruis-Eckhardt: Wenn ich vom Klimawandel spreche, dann geht es um Hitze und um Trockenstress. Das sind zwei unterschiedlich wirkende Dinge. Daneben gibt es weitere Probleme, die der Mensch mit sich bringt: Unsere globalisierte Welt hat zum Beispiel dazu geführt, dass hier neue Pilzkrankheiten eingeführt wurden. Der Bensheimer Stadtwald hat sehr viele Eschen und Ahörner. Diese beiden Arten leiden ganz besonders unter Pilzkrankheiten, die ursprünglich aus Asien stammen. Globalisierung ist daher ein Thema, aber auch weiterhin sogenannte Stoffeinträge: Um 1990 war beispielsweise der saure Regen in aller Munde. Damals war es der Schwefel, der eine starke Versauerung herbeigeführt hat. Dieser Eintrag ist zum Glück um 90 Prozent gesenkt worden. Aber nach wie vor wird Stickstoff eingetragen. Das ist erst mal Pflanzendünger, der aber sehr viel durcheinanderbringt und eine Nährstoffveränderung im Boden verursachen kann. Andere wichtige Stoffe wie Magnesium können dabei ausgewaschen werden.

Und die Zukunft des Waldes?

Ruis-Eckhardt: Das ist eine Frage, die sehr komplex ist, da sie sehr viele Ebenen betrifft. Aber zusammenfassend gesprochen: Der Wald wird sein Gesicht verändern. Wir haben in Bensheim einen sehr vielgestaltigen Wald: einmal der Wald in der Rheinebene, dann an der Bergstraße und zum anderen im Odenwald. Dort herrschen jeweils ganz unterschiedliche Standortbedingungen für die Bäume. Während es in der Ebene schon immer sehr viel weniger geregnet hat und wärmer ist, gibt es im Odenwald mehr Steigungsregen, also das Abregnen von Wolken, die sich an Hindernissen stauen, und grundsätzlich viel bessere Bedingungen für den Wald. Im Odenwald und an der Bergstraße hat die Buche diesen Umstand genutzt und viele Baumarten verdrängt. Die Buche ist also sehr konkurrenzstark. Aber der Umstand des Klimawandels wird dazu führen, dass an der Bergstraße die Buche zurückgehen wird. Da wo wir Mischbestände aus Eiche und Buche haben, ist die Buche mehr oder weniger schon abgestorben – die Eiche kommt mit weniger Wasser und höheren Temperaturen aus. Das bedeutet, dass sich die Buche in die höheren Regionen zurückziehen wird. Es wird also eine Verschiebung aus der Ebene ins Gebirge vonstattengehen. An manchen, bisher zum Glück nur wenigen, Standorten wird sich die Frage stellen, ob ein Wald, wie wir ihn heute kennen, überhaupt noch möglich sein wird. Vielleicht wird es in Richtung Savanne gehen oder wie im Mittelmeerraum immergrüne Wälder mit Buschcharakter.

An welchen Standorten in Bensheim könnte das passieren?

Ruis-Eckhardt: Beispielhaft lässt sich der Bereich um das Kirchberghäuschen nennen: Hier ist es mittlerweile so, dass selbst Weinberge ohne Tröpfchenbewässerung nicht mehr nachhaltig bewirtschaftet werden können. An solchen Standorten, wo es so heiß und trocken ist, wird der Walderhalt in Zukunft schwierig werden.

Beim Termin mit Bürgermeisterin Klein und Stadträtin Rauber-Jung kam auch das Thema Wildverbiss zur Sprache: Was verbirgt sich hinter dem Begriff?

Ruis-Eckhardt: Hier muss dringend eines vorweg gesagt werden: Der Wildverbiss hat nicht zu den Problemen der Altbäume geführt. Die Rehe sind nicht schuld an der Misere des Waldes. Wir müssen nun aber an die Zukunft des Waldes denken und uns fragen, was wir tun können, damit der Wald von morgen resilient und klimastabil sein wird.

Was kann man denn unternehmen, um genau dies zu erreichen?

Ruis-Eckhardt: Eine artenreiche Verjüngung des Waldes kann dazu beitragen. Diese findet natürlicherweise statt: Die Bäume werfen Samen ab, woraus dann wieder neue Bäume entstehen. Wir haben ganz viele Mischbestände und auch in Zukunft sollen neue Bestände aus vielen Baumarten bestehen. Bei dem Mischwald der Zukunft kommt das Rehwild ins Spiel. Derzeit haben wir fast überall in Hessen an vielen Stellen so hohe Rehwildbestände, dass eine Entmischung stattfindet: Viele Baumarten können nur mit besonderem Schutz wachsen. Die ersten fünf bis zehn Jahre ist ein neuwachsender Baum aufgrund der geringen Größe dem Wildverbiss ausgesetzt. Wenn manche Baumarten stärker verbissen werden, dann verschwinden diese nach und nach im Schatten der anderen, da sie nicht an Höhe gewinnen können. Schließlich führt dies vielerorts zum Verschwinden der Vielfalt. Dies geschieht unter anderem bei Kirschbäumen oder Eichen – also mit Arten, die nicht so häufig sind wie der Ahorn oder die Buche. Diese beiden schaffen es auch so – zumindest auf den besseren Standorten, also an den Nordhängen der Bergstraße und im Odenwald.

Wie können Sie die jungen Bäume schützen?

Ruis-Eckhardt: Was insgesamt wichtig dabei ist: Im Wald haben wir sogenannte „Weisergatter“ angelegt – also kleine Zäune, die bewirken, dass in den Zaun kein Rehwild gelangen kann. Das Gatter weist aus, wie es ohne Rehwild im Wald aussehen könnte. Von diesen haben wir einige als Anschauung angelegt: Bei vielen kann man bereits nach kurzer Zeit – etwa nach zwei Jahren – sehen, was für große Unterschiede mit und ohne Rehwildverbiss existieren. Man kann sich also ein Bild davon machen, wie der Wald aussehen könnte, wenn deutlich mehr geschossen werden würde.

Wild braucht Wald – der Wald braucht das Wild … zu viele Rehe sind für den Wald aber problematisch, wie Sie gerade in Bezug auf den Begriff „Wildverbiss“ erläutert haben. Welche Maßnahmen sind Ihrer Meinung nach nötig, um eine Lösung für das Problem zu schaffen?

Ruis-Eckhardt: Um es auf den Punkt zu bringen: Das Wichtigste wäre eine deutliche Erhöhung des Abschusses bei den Rehen. Und damit einhergehend eine Reduktion des Bestandes. Daneben gibt es noch andere Maßnahmen, die ergriffen werden können und auch müssen. Beispielsweise müssen wir den Lebensraum für das Wild verbessern. Man kann zum Beispiel bestimme Äsungsflächen schaffen – also krautige Pflanzen aussäen, die das Wild von den Bäumen ablenken. Zudem geht es auch darum, Ruhezonen zu anzulegen. Wir haben beispielsweise derzeit mehrere illegale Mountainbike-Trails. Illegal deswegen, weil nur auf Wegen gefahren werden darf. Daran halten sich leider einige Mountainbike-Fahrer nicht.

Und: gut erzogene Hunde, die ebenfalls auf den Wegen bleiben, sind kein Problem – die Wirklichkeit sieht leider oft anders aus. Was zudem immer häufiger wird: Unsere Freizeitgesellschaft, wo abends noch bis 22 Uhr mit der Hochleistungstaschenlampe durch den Wald gejoggt wird. Ich kann das nachvollziehen: Wer einen stressigen Alltag hat, sucht die Ruhe im Wald. Aber gerade in der Dämmerung und in der Dunkelheit wäre es gut, wenn das Wild mehr Ruhe bekommt.

Und wer muss bei diesem Thema auf jeden Fall mitgenommen werden?

Ruis-Eckhardt: Bei dem Thema muss an erster Stelle die Jägerschaft mitgenommen werden. Darüber hinaus sind es aber auch die Eigentümer von bejagbaren Flächen. Das sind viele Privatleute, aber auch Kommunen wie die Stadt Bensheim. Sie können sich in den Jagdgenossenschaften dafür stark machen, dass in ihrem Sinne gejagt wird. Dabei müssen klare Ziele formuliert werden – wie: Wir wollen für unsere Kinder einen klimastabilen Wald. Der braucht viele Baumarten und gemeinsam müssen wir schauen, wie wir dieses Thema in den Griff bekommen. Das heißt also, auch die Eigentümer von Flächen sind angesprochen und müssen stärker ihre Verantwortung wahrnehmen. Darüber hinaus sind die Jagdbehörden gefragt. Denn eigentlich ist es jetzt schon gesetzlich so geregelt, dass alle Hauptbaumarten ohne Schutz wachsen müssen und die Jagd dahingehend ausgerichtet sein muss, was aber vielerorts noch nicht umgesetzt ist.

Und natürlich ist bei dem Thema unsere gesamte Gesellschaft gefragt, die mit mehr Bewusstsein für die Natur und das Wild ihren Teil dazu beitragen kann und muss.

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